Liebe Gemeindeglieder,
liebe LeserInnen,
in meiner Marburger
Studentenzeit bin ich gerne mit Freunden in der Nacht zum 1. Mai zum
Maisingen auf den Marktplatz gegangen. Unvergesslich, wenn der damalige
Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler um Mitternacht das Lied "Der
Mai ist gekommen
" anstimmte. Es gibt viele Lieder, die den
Wonnemonat Mai besingen. Vielleicht werden Sie das eine oder andere
bei einer passenden Gelegenheit in den nächsten Tagen anstimmen,
vielleicht schon bei der Aufstellung eines Maibaumes.
"Alles neu
macht der Mai" beginnt ein anderes dieser Lieder, das die meisten
kennen. Es stimmt, der Mai ist ein besonderer Monat, Blätter und
Blüten kommen hervor und zaubern wunderbare grüne und bunte
Farben in unsere Augen, überall herrscht verschwenderische Pracht.
Vielleicht hebt sich auch die Stimmung bei uns Menschen, Fahrräder
werden geputzt, Touren in die Natur geplant. Sie, die eben noch grau
und trist erschien, zeigt sich ganz neu.
Aber wir Menschen, werden auch wir neu? Ein neues Kleid, eine helle
Sommerhose macht noch keinen neuen Menschen. Und wollen wir uns überhaupt
verändern und nicht lieber bleiben wie wir sind? Und wenn der Wunsch
zur Veränderung da ist, werden wir sie schaffen oder in den alten
Gewohnheiten verharren bzw. in sie zurückfallen?
"Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt", lautet der
Monatsspruch für Mai aus dem Philipperbrief (4,13). Eines meiner
Lieblingsworte aus dem Neuen Testament. "Alles vermag ich",
das ist ein stolzer Satz. Zumal wenn er von jemandem stammt, der als
Gefangener hinter Gittern sitzt. Paulus schreibt ihn aus dem Gefängnis.
"Alles vermag ich", das ist aber auch ein demütiger Satz,
denn er steht nicht allein, er wird begründet. Und auf diese Begründung
kommt es an: "durch ihn, der mir Kraft gibt."
Gemeint ist Jesus Christus. Also kein plumpes Selbstvertrauen, das sich
hier ausspricht, kein Zweckoptimismus nach dem Motto: Wir kriegen schon
alles hin, auch die Veränderung von uns selbst. Der Apostel bezieht
sich auf eine geschenkte, verliehene Stärke, die ihn dazu befähigt
etwas zu wagen. "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt",
der Satz atmet die Freiheit des Glaubens.
"Alles neu macht der Mai", das stimmt in Bezug auf die sich
verändernde Natur.
Sie kann für
uns Menschen zum Gleichnis werden, um nach der Kraft zu fragen, die
hinter allem Wachstum und aller Veränderung steht. Und dann kann
der Monatsspruch für Mai die Ermutigung sein auch Veränderungen
im eigenen Leben zuzulassen, anzunehmen oder auch aktiv zu ge-stalten.
Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne viele schöne Maierfahrungen
und grüße Sie herzlich.
Gerhard Failing,
Dekan